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Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj.
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Nicht über uns – mit uns! Sonderfolge aus Potsdam

Christel Moll über 20 Jahre Selbsthilfe, Patientenvertretung und den Kampf um eine bessere Versorgung

27.09.2026 47 min

Zusammenfassung & Show Notes

Direkt vom Deutschen Adipositas-Kongress in Potsdam: Christel Moll, 1. Vorsitzende des Adipositas Verband Deutschland e. V., erzählt, wie aus einer Selbsthilfegruppe eine bundesweite Patientenorganisation entstand. Gemeinsam sprechen wir über Stigmatisierung in Arztpraxen, ungleichen Zugang zu Therapien, die politische Arbeit des Verbandes und ihre Vision einer Versorgung, in der Menschen mit Adipositas respektvoll begleitet und nicht länger für ihre Erkrankung verantwortlich gemacht werden.

Für einige besondere Folgen ist der Adipodcast nach Potsdam gereist.
Beim Deutschen Adipositas-Kongress 2026 haben Prof. Dr. Dr. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj mehrere Gespräche und Interviews direkt vor Ort aufgezeichnet.

Den Auftakt macht Christel Moll, Mitbegründerin und 1. Vorsitzende 
des Adipositas Verband Deutschland e. V. Seit rund 20 Jahren setzt sie sich ehrenamtlich für Menschen mit Adipositas ein. Was mit einer einzelnen Selbsthilfegruppe begann, ist heute eine bundesweite Patientenorganisation, die Betroffene unterstützt, Selbsthilfegruppen begleitet, Gruppenleitungen ausbildet und die Perspektive von Menschen mit Adipositas in Medizin, Fachgesellschaften und Politik vertritt.

Eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte
Die Geschichte des Verbandes beginnt nach Christel Molls eigener Magenbandoperation. Ein Arzt setzte sich damals an ihr Krankenbett und erklärte ihr, dass er sie erst nach Hause gehen lassen werde, wenn sie gemeinsam mit ihm eine Selbsthilfegruppe oder einen Verein gründe.
Was im Gespräch augenzwinkernd als „Erpressung“ bezeichnet wird, traf auf einen enormen Bedarf. Zu den ersten Treffen kamen teilweise zwischen 50 und 100 Menschen. Manche nahmen Anfahrtswege von bis zu 200 Kilometern auf sich, weil es in ihrer Region keine vergleichbaren Angebote gab.
Schnell wurde deutlich, dass eine einzelne Gruppe nicht ausreichen würde. Weitere Selbsthilfegruppen entstanden – zunächst in Nordrhein-Westfalen, später in vielen anderen Teilen Deutschlands.
Im März 2006 wurde schließlich der Adipositas Verband Deutschland e. V. gegründet.

Selbsthilfe ohne Waage und Abnehmdruck
Christel Moll wollte von Beginn an eine andere Form der Selbsthilfe schaffen.
In den Gruppen sollte sich niemand wiegen lassen müssen. Es gab keine Vorgaben, keine Diätkontrollen und keinen Druck, innerhalb einer bestimmten Zeit Gewicht zu verlieren. Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Erfahrungen waren willkommen.
Im Mittelpunkt standen der offene Austausch und das Gefühl, verstanden zu werden. Wer von einem schwierigen Tag oder einem vermeintlichen Rückschlag berichtete, wurde nicht verurteilt. Stattdessen ging es darum, einander Mut zu machen und gemeinsam wieder nach vorne zu schauen.
Die Selbsthilfegruppen sollten keine ärztliche Sprechstunde ersetzen. Sie sollten einen geschützten Raum bieten, in dem Menschen mit ähnlichen Erfahrungen miteinander sprechen, Wissen teilen und sich gegenseitig dazu ermutigen können, professionelle Hilfe anzunehmen.

Aus Selbsthilfe wird eine bundesweite Struktur
Mit der wachsenden Zahl an Gruppen entstand eine neue Herausforderung: Wer übernimmt die Leitung – und wie können ehrenamtliche Gruppenleitungen auf ihre Aufgabe vorbereitet werden?
Bereits 2008 veranstaltete der Verband erste Seminare für Selbsthilfegruppenleitungen. Inzwischen werden jährlich mehrere dieser Fortbildungen angeboten. Die Teilnehmenden erhalten aktuelle Informationen über die Erkrankung und ihre Behandlungsmöglichkeiten, lernen organisatorische Grundlagen kennen und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus.
Denn Selbsthilfe soll nach Christel Molls Verständnis mehr vermitteln als die alten Empfehlungen „Iss weniger“ und „Beweg dich mehr“. Gruppenleitungen müssen wissen, welche konservativen, medikamentösen und chirurgischen Behandlungswege heute zur Verfügung stehen und an welche qualifizierten Stellen sie Betroffene verweisen können.
Der Verband hat dafür ein Netzwerk mit Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern in zahlreichen Bundesländern aufgebaut. Ein großer Teil dieser Arbeit wird bis heute ehrenamtlich geleistet.

Früher wurde über Betroffene gesprochen
Eine der stärksten Aussagen des Gesprächs beschreibt die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre:
Früher wurde über Menschen mit Adipositas gesprochen. Heute sitzen Betroffene zunehmend selbst mit am Tisch.
Der Adipositas Verband Deutschland arbeitet inzwischen an medizinischen Leitlinien mit, beteiligt sich an Fachveranstaltungen und bringt die Perspektive der Betroffenen in gesundheitspolitische Diskussionen ein.
Allein eingeladen zu werden, reicht für Christel Moll jedoch nicht aus. Entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten tatsächlich gehört und an Entscheidungen beteiligt werden.
Gerade bei einer Erkrankung, die noch immer mit Schuldzuweisungen und Vorurteilen verbunden ist, kann die Perspektive der Betroffenen nicht durch medizinisches Fachwissen allein ersetzt werden.

Wenn der erste Arztbesuch zur Hürde wird
Viele Menschen mit Adipositas brauchen mehrere Anläufe, bevor sie sich trauen, medizinische Hilfe zu suchen. Häufig erwarten sie bereits vor dem Termin, für ihr Gewicht verurteilt oder nicht ernst genommen zu werden.
Christel Moll schildert, dass bei Menschen mit Adipositas selbst Beschwerden wie Husten oder andere gesundheitliche Probleme vorschnell auf das Körpergewicht zurückgeführt werden. Nicht selten werde das Gewicht ungefragt angesprochen, obwohl es gar nicht der Grund für den Arztbesuch sei.
Eine einzige stigmatisierende Erfahrung kann dazu führen, dass sich ein Mensch umdreht und nicht wiederkommt. Dadurch besteht die Gefahr, dass andere Erkrankungen später oder überhaupt nicht erkannt werden.
Christel Moll sieht zugleich positive Veränderungen. Besonders viele jüngere Ärztinnen und Ärzte seien heute offener für das Thema. Adipositas werde zunehmend in der medizinischen Ausbildung berücksichtigt und häufiger als komplexe chronische Erkrankung wahrgenommen.

Neue Medikamente verändern die Wahrnehmung
Die neuen Medikamente zur Behandlung der Adipositas haben die öffentliche Wahrnehmung der Erkrankung verändert. Wo eine medizinische Therapie existiert, wird für viele Menschen sichtbarer, dass es sich nicht einfach um ein persönliches Versagen oder mangelnde Disziplin handelt.
Gleichzeitig entsteht eine neue Gefahr: Aus „Iss weniger und beweg dich mehr“ könnte künftig „Dann nimm doch einfach eine Spritze“ werden.
Damit würde die Komplexität der Erkrankung erneut auf eine vermeintlich einfache Lösung reduziert. Nicht jede Behandlung ist für jeden Menschen geeignet, nicht jeder Mensch hat Zugang zu allen Therapien und auch Medikamente erfordern eine langfristige medizinische Begleitung.
Christel Moll unterscheidet deshalb deutlich zwischen einer medizinisch notwendigen Therapie und einer kurzfristigen Anwendung zur Lifestyle-Optimierung. Menschen, die tatsächlich an Adipositas erkrankt sind, sollten unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten Zugang zu einer geeigneten Behandlung erhalten.
Wenn sich nicht jeder eine Behandlung leisten kann
Ein großes Problem sieht Christel Moll im ungleichen Zugang zur Therapie.
In Deutschland wird eine qualifizierte Ernährungstherapie häufig nur bezuschusst. Der verbleibende Eigenanteil kann für Menschen mit geringem Einkommen eine unüberwindbare Hürde darstellen. Auch moderne Adipositasmedikamente müssen in vielen Situationen selbst bezahlt werden.
Digitale Gesundheitsanwendungen können für einige Betroffene eine hilfreiche und vollständig finanzierte Unterstützung sein. Sie ersetzen jedoch nicht immer die individuelle Begleitung durch eine Ernährungsfachkraft, die den persönlichen Alltag, gesundheitliche Einschränkungen und die konkrete Lebenssituation berücksichtigen kann.

So entsteht eine widersprüchliche Versorgungssituation: Manche Menschen können sich konservative oder medikamentöse Behandlungen nicht leisten, während eine spätere Operation unter bestimmten Voraussetzungen von der Krankenkasse übernommen wird.

Das DMP Adipositas und die gesundheitspolitische Arbeit
Ein Disease-Management-Programm soll Menschen mit chronischen Erkrankungen eine strukturierte und langfristige Versorgung ermöglichen.
Für die Adipositas wurden entsprechende Grundlagen geschaffen. Damit ein solches Programm im Versorgungsalltag ankommt, müssen jedoch konkrete regionale Verträge und Strukturen entstehen.
Hausärztinnen und Hausärzte könnten Betroffene dann kontinuierlich begleiten, mögliche organische Ursachen und Folgeerkrankungen abklären und sie gezielt an Ernährungsberatung, Verhaltenstherapie, Adipositaszentren oder die bariatrische Chirurgie weiterleiten.
Christel Moll kritisiert, dass die theoretischen Grundlagen des DMP bei den Betroffenen bislang noch nicht ausreichend spürbar angekommen sind. Der Verband sucht deshalb gezielt das Gespräch mit Politikerinnen und Politikern und fordert eine konsequente Umsetzung.
Dabei geht es nicht um „Druck“ im Sinne einer Konfrontation. Es geht darum, präsent zu sein, Argumente zu liefern und die Erfahrungen der Betroffenen in politische Entscheidungen einzubringen.
Nicht nur Verhalten, sondern auch Verhältnisse verändern
Eigenverantwortung spielt bei der Gesundheit eine Rolle. Sie darf jedoch nicht dazu führen, dass sämtliche Verantwortung auf den einzelnen Menschen übertragen wird.
Christel Moll spricht deshalb über Verhältnisprävention: Auch das Umfeld, die Lebensmittelindustrie, Bildungseinrichtungen und politische Rahmenbedingungen beeinflussen, wie Menschen essen, sich bewegen und gesund leben können.

Hochverarbeitete Lebensmittel sind nahezu überall verfügbar. Gleichzeitig fehlen vielen Kindern frühzeitiges Wissen, alltagstaugliche Ernährungskompetenz und geeignete Rahmenbedingungen.
Prävention müsse deshalb bereits in Kindergärten und Schulen beginnen. Gesunde Ernährung sollte nicht als kurzfristige Maßnahme vermittelt werden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil des Alltags.
Christel Molls Vision für die kommenden Jahre
Auf die Frage nach ihrer idealen Welt antwortet Christel Moll mit einer einfachen, aber weitreichenden Vorstellung:
Ein Mensch soll als Mensch wahrgenommen werden – nicht zuerst als Mensch mit Adipositas.
Sie wünscht sich eine Versorgung, in der Betroffene jede Praxis betreten können, ohne mit Vorwürfen oder einem erhobenen Zeigefinger rechnen zu müssen. Ärztinnen, Ärzte und andere Fachpersonen sollen auf Augenhöhe sprechen, geeignete Behandlungswege aufzeigen und Menschen dabei unterstützen, mit ihrer chronischen Erkrankung gut zu leben.
Und sie wünscht sich, dass die nächste Generation nicht mehr dieselben Erfahrungen machen muss wie viele heute erwachsene Betroffene.

In dieser Folge sprechen wir unter anderem darüber:
– wie aus einer Selbsthilfegruppe der Adipositas Verband Deutschland entstand
– weshalb die ersten Gruppentreffen einen so großen Zulauf hatten
– warum Selbsthilfe ohne Wiegepflicht und Abnehmdruck auskommen sollte
– wie der Verband ehrenamtliche Selbsthilfegruppenleitungen ausbildet
– weshalb die Patientenperspektive in Medizin und Politik unverzichtbar ist
– wie Stigmatisierung Menschen davon abhält, medizinische Hilfe zu suchen
– welche Veränderungen Christel Moll in den vergangenen 20 Jahren beobachtet hat
– wie neue Medikamente die Wahrnehmung der Adipositas beeinflussen
– warum der Zugang zu Therapien noch immer vom Einkommen abhängen kann
– welche Chancen mit dem DMP Adipositas verbunden sind
– weshalb Prävention auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern muss
– und wie eine respektvolle Versorgung auf Augenhöhe aussehen könnte

Eine persönliche, politische und zugleich hoffnungsvolle Folge über 20 Jahre ehrenamtliches Engagement, die Kraft der Selbsthilfe und eine Patientenstimme, die heute nicht mehr übergangen werden kann.

Über unsere Gästin:
Christel Moll ist Mitbegründerin und 1. Vorsitzende des Adipositas Verband Deutschland e. V. Sie lebt selbst mit Adipositas und setzt sich seit rund 20 Jahren für die Interessen von Betroffenen ein. Zu ihren Schwerpunkten gehören die Unterstützung von Selbsthilfegruppen, die Ausbildung ehrenamtlicher Gruppenleitungen, der Abbau von Stigmatisierung sowie die Beteiligung von Patientinnen und Patienten an medizinischen und gesundheitspolitischen Entscheidungen.

Über den Adipositas Verband Deutschland e. V.
Der Adipositas Verband Deutschland e. V. ist eine bundesweite Selbsthilfe- und Patientenorganisation für Menschen mit Adipositas, ihre Angehörigen sowie alle, die sich für eine bessere Versorgung einsetzen. Der Verband unterstützt die Gründung und Arbeit von Selbsthilfegruppen, bietet Fortbildungen für ehrenamtliche Gruppenleitungen an, informiert über die chronische Erkrankung und vertritt die Interessen von Betroffenen gegenüber Medizin, Politik und Gesellschaft.
Weitere Informationen: https://www.adipositasverband.de
Die Mitgliedschaft steht Betroffenen, Angehörigen, Fachpersonen und anderen Unterstützenden offen. Der reguläre Jahresbeitrag beträgt mindestens 32 Euro.
Zu Gast: Christel Moll
Moderation: Prof. Dr. Dr. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj
Aufgezeichnet beim Deutschen Adipositas-Kongress 2026 in Potsdam

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Hinweis: Der Adipodcast dient der Information und ersetzt keine persönliche medizinische Beratung. Welche Behandlung geeignet ist, sollte immer individuell mit qualifizierten Fachpersonen besprochen werden.

Unsere Ressourcen
 
Über unsere Webseite Adipositas-Zuerich.ch
Unsere Webseite Adipositas Zürich widmet sich ganz der Aufgabe, Dich umfassend über Adipositas zu informieren – eine Erkrankung, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen für Industrienationen eingestuft wird.
Unser Ziel ist es, Dir ein tiefes Verständnis für die Ursachen, Folgen und die zahlreichen Therapiemöglichkeiten dieser komplexen Krankheit zu vermitteln.
Wir bei Adipositas Zürich sehen es als unsere Mission, sowohl Betroffene als auch medizinisches Fachpersonal durch qualitativ hochwertige Informationen zu unterstützen.
Dabei legen wir großen Wert darauf, die Krankheit Adipositas in all ihrer Komplexität darzustellen und Dir den Weg zu wirksamen Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
 
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