#60 Drei Jahre – und dann?
Warum die Kostenübernahme für Adipositasmedikamente in der Schweiz zum Dilemma wird
20.09.2026 40 min
Zusammenfassung & Show Notes
Adipositas ist eine chronische Erkrankung – die Kostenübernahme für Medikamente ist in der Schweiz jedoch zeitlich begrenzt. Was geschieht, wenn eine wirksame Therapie nach drei Jahren selbst bezahlt oder beendet werden muss? Prof. Dr. med. Bernd Schultes diskutiert mit Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj über Gewichtszunahme nach Therapieende, begrenzte Ressourcen, medizinische Priorisierung und die Frage, wer dauerhaft behandelt werden sollte.
Adipositas gilt als chronische Erkrankung.
Moderne Medikamente können das Körpergewicht deutlich reduzieren und die gesundheitliche Situation vieler Betroffener verbessern.
In der Schweiz werden die Kosten einer medikamentösen Adipositastherapie unter bestimmten Voraussetzungen übernommen – allerdings zeitlich begrenzt.
Moderne Medikamente können das Körpergewicht deutlich reduzieren und die gesundheitliche Situation vieler Betroffener verbessern.
In der Schweiz werden die Kosten einer medikamentösen Adipositastherapie unter bestimmten Voraussetzungen übernommen – allerdings zeitlich begrenzt.
Doch was geschieht nach diesen drei Jahren?
Was bedeutet es für Betroffene, wenn sie eine wirksame Behandlung anschliessend selbst
finanzieren oder beenden müssen?
Und wie kann ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem mit wirksamen, aber kostenintensiven Dauertherapien umgehen?
finanzieren oder beenden müssen?
Und wie kann ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem mit wirksamen, aber kostenintensiven Dauertherapien umgehen?
Darüber sprechen Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj in Folge #60 des Adipodcast mit Prof. Dr. med. Bernd Schultes.
Er ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin sowie Endokrinologie und Diabetologie und leitet das Stoffwechselzentrum St. Gallen.
Zudem ist er Präsident der SMOB.
In dieser Folge spricht er jedoch ausdrücklich aus seiner persönlichen Perspektive als Arzt und Stoffwechselexperte.
Eine chronische Erkrankung – aber eine zeitlich begrenzte Behandlung?
Moderne Medikamente zur Behandlung der Adipositas können Hunger und Appetit beeinflussen und bei vielen Patientinnen und Patienten eine deutliche Gewichtsreduktion ermöglichen.
Die Erkrankung ist damit jedoch nicht geheilt. Wird die Therapie beendet, steigt das Gewicht bei vielen Betroffenen wieder an. Das kann gesundheitliche Folgen haben und psychisch sehr belastend sein. Menschen, die erstmals seit langer Zeit eine wirksame Behandlung erfahren haben, erleben plötzlich, dass ihr Körper erneut auf das frühere Gewicht zusteuert.
Im Gespräch wird auch die Frage aufgeworfen, welche Folgen wiederholte Zyklen aus Gewichtsabnahme und erneuter Gewichtszunahme langfristig für die Körperzusammensetzung und die Gesundheit haben könnten. Gerade weil diese Auswirkungen noch nicht vollständig geklärt sind, sieht Bernd Schultes die derzeitige Situation kritisch.
Seine Botschaft an Patientinnen und Patienten lautet deshalb bereits zu Beginn einer Therapie:
Eine medikamentöse Adipositasbehandlung sollte grundsätzlich als langfristige Behandlung verstanden werden – zumindest so lange, bis eine bessere oder nachhaltigere Alternative zur Verfügung steht.
Weshalb gerade drei Jahre?
Warum die Kostenübernahme auf drei Jahre begrenzt wurde, lässt sich auch im Gespräch nicht abschliessend beantworten.
Ein möglicher Grund ist die begrenzte Dauer der ursprünglichen Zulassungsstudien. Gleichzeitig weist Bernd Schultes darauf hin, dass auch Medikamente gegen Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen dauerhaft eingesetzt werden, obwohl vor ihrer Einführung nicht über Jahrzehnte hinweg kontrollierte Studien durchgeführt wurden.
Hinter der zeitlichen Begrenzung steht deshalb auch eine gesundheitsökonomische Frage:
Wie lange kann und soll ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem eine Therapie für eine sehr grosse Zahl potenziell Behandlungsberechtigter finanzieren?
Wie lange kann und soll ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem eine Therapie für eine sehr grosse Zahl potenziell Behandlungsberechtigter finanzieren?
Bernd Schultes stellt einen möglichen Gegenentwurf zur Diskussion:
Statt eine Therapie vergleichsweise breit, aber nur zeitlich begrenzt zu finanzieren, könnte es sinnvoller sein, Patientinnen und Patienten mit einem besonders hohen gesundheitlichen Risiko gezielter auszuwählen und dafür langfristig zu behandeln.
Statt eine Therapie vergleichsweise breit, aber nur zeitlich begrenzt zu finanzieren, könnte es sinnvoller sein, Patientinnen und Patienten mit einem besonders hohen gesundheitlichen Risiko gezielter auszuwählen und dafür langfristig zu behandeln.
Der BMI allein sagt zu wenig aus
Ein zentrales Problem ist die bisher häufig verwendete Definition der Adipositas über den Body-Mass-Index.
Zwei Menschen mit demselben BMI können gesundheitlich vollkommen unterschiedlich betroffen sein.
Eine Person hat möglicherweise noch keine erkennbaren Begleiterkrankungen. Eine andere leidet bereits an Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder erheblichen Einschränkungen im Alltag.
Der BMI allein bildet weder die Erkrankungsschwere noch das individuelle Risiko oder den persönlichen Leidensdruck ausreichend ab.
Im Gespräch diskutieren die Teilnehmer deshalb, ob Adipositas stärker nach klinischem Schweregrad, Begleiterkrankungen und zukünftigen Gesundheitsrisiken eingeteilt werden sollte. Eine solche Differenzierung könnte dabei helfen, Therapien gezielter einzusetzen und Entscheidungen über eine langfristige Kostenübernahme nachvollziehbarer zu machen.
Wer sollte dauerhaft behandelt werden?
Wenn finanzielle Mittel begrenzt sind, stellt sich zwangsläufig die Frage nach einer Priorisierung.
Bernd Schultes würde bei einer rein medizinischen Betrachtung insbesondere Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen langfristig behandeln. Für diese Patientengruppe liegen bereits überzeugende Daten vor, dass eine wirksame medikamentöse Adipositastherapie schwere gesundheitliche Ereignisse reduzieren kann.
Auch Menschen, bei denen in absehbarer Zeit ein hohes Risiko für Folgeerkrankungen besteht, könnten besonders profitieren. Je niedriger das individuelle Risiko ist, desto schwieriger wird es dagegen, den langfristigen medizinischen und wirtschaftlichen Nutzen zuverlässig zu bestimmen.
Wo genau eine Grenze gezogen werden sollte, lässt sich jedoch nicht allein medizinisch entscheiden. Auch ethische, gesellschaftliche und ökonomische Überlegungen spielen eine Rolle.
Lebensqualität ist ebenfalls ein Behandlungserfolg
Gesundheitsökonomische Bewertungen konzentrieren sich häufig auf verhinderte Herzinfarkte, Schlaganfälle, Folgeoperationen oder andere messbare Ereignisse.
Doch die Behandlung der Adipositas kann weit mehr verändern.
Menschen werden beweglicher, fühlen sich körperlich und psychisch besser, benötigen möglicherweise weniger andere Medikamente und können länger am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Menschen werden beweglicher, fühlen sich körperlich und psychisch besser, benötigen möglicherweise weniger andere Medikamente und können länger am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe sind schwieriger in Zahlen zu erfassen. Trotzdem sollten auch diese Aspekte berücksichtigt werden, wenn der Nutzen einer Therapie bewertet wird.
Die zentrale Frage lautet daher:
Was verstehen wir überhaupt unter einem erfolgreichen gesundheitlichen Ergebnis?
Was verstehen wir überhaupt unter einem erfolgreichen gesundheitlichen Ergebnis?
Medikamente oder Operation?
Die Folge zeigt auch, weshalb medikamentöse und chirurgische Therapien nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten.
Bei manchen Patientinnen und Patienten kann eine bariatrische Operation langfristig den grösseren gesundheitlichen Nutzen bieten. In anderen Situationen ist eine medikamentöse Behandlung geeigneter. Entscheidend sind die individuelle Erkrankungsschwere, Begleiterkrankungen, persönliche Wünsche und die langfristige Perspektive.
Bernd Schultes berichtet, dass im Stoffwechselzentrum St. Gallen Patientinnen und Patienten mit einem BMI über 35 grundsätzlich auch über die Möglichkeit einer bariatrischen Operation informiert werden. Das bedeutet nicht, dass allen zu einer Operation geraten wird. Es soll jedoch gewährleistet sein, dass Betroffene alle medizinisch relevanten Behandlungsoptionen kennen.
Eine informierte Entscheidung ist nur möglich, wenn Medikamente, Operationen und konservative Behandlungsmöglichkeiten offen, strukturiert und ohne fachliche Scheuklappen besprochen werden.
Wirtschaftliche Interessen und medizinische Entscheidungen
Offen thematisiert wird auch ein schwieriger Aspekt des Gesundheitssystems: Medizinische Entscheidungen finden nicht in einem wirtschaftsfreien Raum statt.
Spitäler, Praxen und unterschiedliche Fachdisziplinen stehen unter finanziellem Druck. Daraus können bewusste oder unbewusste Interessenkonflikte entstehen. Das betrifft medikamentös behandelnde Fachpersonen ebenso wie chirurgisch tätige Ärztinnen und Ärzte.
Neben wirtschaftlichen Interessen spielen auch fehlendes Vertrauen zwischen Fachdisziplinen, überholte Vorstellungen, persönliche Überzeugungen und die selektive Wahrnehmung wissenschaftlicher Daten eine Rolle.
Umso wichtiger sind interdisziplinäre Fallbesprechungen, transparente Leitlinien und eine strukturierte Aufklärung, die sich an der individuellen Situation der Patientinnen und Patienten orientiert.
Wirksamkeit allein genügt nicht
Bei der Beurteilung einer medizinischen Leistung spielen in der Schweiz die Kriterien Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit eine zentrale Rolle.
Die Wirksamkeit moderner Adipositasmedikamente wird kaum noch grundsätzlich bestritten. Schwieriger sind die Fragen nach Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit – insbesondere dann, wenn Patientinnen und Patienten eine langfristig gedachte Behandlung bereits nach kurzer Zeit wieder abbrechen.
In der Folge werden unterschiedliche Erfahrungen aus der Versorgung diskutiert. Gleichzeitig wird deutlich, dass wichtige Daten der Krankenversicherungen und Behandlungszentren bislang nicht ausreichend zusammengeführt oder öffentlich zugänglich sind.
Bernd Schultes plädiert deshalb für eine engere Zusammenarbeit zwischen Fachgesellschaften, Behandlungszentren, Krankenversicherungen und Behörden.
Wir brauchen Daten – und eine gesellschaftliche Diskussion
Welche Behandlung verhindert langfristig Folgeerkrankungen? Welche Patientengruppe profitiert besonders? Wie beeinflussen Medikamente und Operationen die Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und Gesundheitskosten über zehn oder zwanzig Jahre?
Viele dieser Fragen lassen sich nur mit grossen Patientengruppen und langen Beobachtungszeiträumen beantworten. Auf sämtliche Langzeitdaten zu warten, ist jedoch ebenfalls keine Lösung. Entscheidungen müssen bereits heute getroffen werden.
Dafür braucht es belastbare Versorgungsdaten, transparente Annahmen und eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, welche medizinischen Leistungen ein solidarisches Gesundheitssystem finanzieren soll.
In dieser Folge sprechen wir unter anderem darüber:
– weshalb eine zeitlich begrenzte Kostenübernahme bei einer chronischen Erkrankung problematisch sein kann
– was nach dem Absetzen einer medikamentösen Adipositastherapie geschehen kann
– warum der BMI allein die Erkrankungsschwere nicht ausreichend beschreibt
– welche Patientinnen und Patienten besonders von einer langfristigen Therapie profitieren könnten
– ob eine gezieltere Priorisierung gerechter wäre als eine breite zeitliche Begrenzung
– warum Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit in gesundheitsökonomischen Bewertungen berücksichtigt werden sollten
– welche Rolle die bariatrische Chirurgie im Vergleich zur medikamentösen Behandlung spielt
– wie wirtschaftliche Interessen medizinische Entscheidungen beeinflussen können
– weshalb Therapietreue für die Bewertung der Wirtschaftlichkeit wichtig ist
– und warum Fachgesellschaften, Versicherungen und Behörden ihre Daten stärker zusammenführen sollten
– was nach dem Absetzen einer medikamentösen Adipositastherapie geschehen kann
– warum der BMI allein die Erkrankungsschwere nicht ausreichend beschreibt
– welche Patientinnen und Patienten besonders von einer langfristigen Therapie profitieren könnten
– ob eine gezieltere Priorisierung gerechter wäre als eine breite zeitliche Begrenzung
– warum Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit in gesundheitsökonomischen Bewertungen berücksichtigt werden sollten
– welche Rolle die bariatrische Chirurgie im Vergleich zur medikamentösen Behandlung spielt
– wie wirtschaftliche Interessen medizinische Entscheidungen beeinflussen können
– weshalb Therapietreue für die Bewertung der Wirtschaftlichkeit wichtig ist
– und warum Fachgesellschaften, Versicherungen und Behörden ihre Daten stärker zusammenführen sollten
Eine offene und kontroverse Folge über eine wirksame Therapie, begrenzte finanzielle Ressourcen und eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt: Wer sollte wie lange behandelt werden – und wer soll dafür bezahlen?
Über unseren Gast
Prof. Dr. med. Bernd Schultes ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin sowie Endokrinologie und Diabetologie. Er leitet das Stoffwechselzentrum St. Gallen und beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Behandlung der Adipositas und ihrer Begleiterkrankungen. Darüber hinaus ist er Präsident der SMOB.
Über das Stoffwechselzentrum St. Gallen und friendlyDocs
Das Stoffwechselzentrum St. Gallen der friendlyDocs AG ist ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum für Endokrinologie, Diabetologie, Ernährung und Gefässmedizin für Kinder und Erwachsene. Ein Team aus ärztlichen Fachpersonen, Ernährungs- und Diabetesberatung, medizinischen Praxisassistentinnen sowie Mitarbeitenden aus Forschung und Entwicklung begleitet Menschen mit Stoffwechselerkrankungen patientenzentriert und langfristig. Das Angebot umfasst unter anderem die medizinische Abklärung und ambulante Behandlung der Adipositas sowie die Vorbereitung und Nachbetreuung bei bariatrischen Eingriffen.
Weitere Informationen: https://www.friendlydocs.ch
Über ViszeraMed
ViszeraMed ist eine spezialisierte Praxis für moderne Bauchchirurgie in Zürich. Prof. Dr. Dr. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Prof. Dr. med. Ralph Peterli behandeln Patientinnen und Patienten in den Bereichen Adipositaschirurgie, Tumorchirurgie, Hernienchirurgie und robotisch unterstützte Chirurgie. Die Praxis verbindet persönliche ambulante Betreuung mit der engen klinischen Anbindung an das Spital Männedorf.
Weitere Informationen: https://viszeramed.ch
Zu Gast: Prof. Dr. med. Bernd Schultes
Moderation: Prof. Dr. Dr. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj
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Der Adipodcast dient der Information und ersetzt keine persönliche medizinische Beratung.
Die Nennung von Medikamenten oder Behandlungsmöglichkeiten stellt keine Therapieempfehlung dar. Welche Behandlung geeignet ist und ob eine Kostenübernahme möglich ist, muss immer individuell mit qualifizierten Fachpersonen und der zuständigen Krankenversicherung geklärt werden.
Unsere Ressourcen
Über unsere Webseite Adipositas-Zuerich.ch
Unsere Webseite Adipositas Zürich widmet sich ganz der Aufgabe, Dich umfassend über Adipositas zu informieren – eine Erkrankung, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen für Industrienationen eingestuft wird.
Unser Ziel ist es, Dir ein tiefes Verständnis für die Ursachen, Folgen und die zahlreichen Therapiemöglichkeiten dieser komplexen Krankheit zu vermitteln.
Wir bei Adipositas Zürich sehen es als unsere Mission, sowohl Betroffene als auch medizinisches Fachpersonal durch qualitativ hochwertige Informationen zu unterstützen.
Dabei legen wir großen Wert darauf, die Krankheit Adipositas in all ihrer Komplexität darzustellen und Dir den Weg zu wirksamen Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
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