Herzlich Willkommen beim Adipodcast

Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj.
Since 06/2020 65 Episoden

#59 Ständig ans Essen denken: Was hilft gegen Food Noise?

Stefanie Tölle erklärt, was Food Noise ist und welche Strategien den Umgang damit erleichtern.

06.09.2026 50 min

Zusammenfassung & Show Notes

Warum kreisen die Gedanken ständig ums Essen, obwohl der Körper keinen Hunger hat? Ernährungsberaterin und Diabetesberaterin Stefanie Tölle erklärt, was hinter Food Noise steckt, weshalb strenge Diäten und Lebensmittelverbote den Essenslärm verstärken können und welche Strategien im Alltag helfen. Eine Folge über Hunger, Genuss, Rückfälle und einen faireren Umgang mit sich selbst.

Was esse ich als Nächstes? Darf ich das überhaupt essen? 
Wie viele Kalorien hat es, und werde ich davon wirklich satt?

Wenn solche Gedanken ständig im Kopf kreisen, sich ungefragt aufdrängen und viel Energie beanspruchen, wird häufig von „Food Noise“ gesprochen. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Essenslärm im Kopf? 
Wo liegt der Unterschied zwischen Food Noise, körperlichem Hunger und ganz normalen Gedanken an die nächste Mahlzeit?

Darüber sprechen Prof. Dr. Dr. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj in Folge #59 des Adipodcast mit Stephanie Tölle. 

Sie ist Ernährungsberaterin DGE und Diabetesberaterin DDG und begleitet Menschen mit Diabetes und Adipositas sowie Patientinnen und Patienten vor und nach bariatrischen Eingriffen.

Wenn Essen zum ständigen Begleiter wird
Über das Essen nachzudenken, ist zunächst vollkommen normal. Wir überlegen, was wir am Abend kochen, welche Lebensmittel wir noch einkaufen müssen oder worauf wir gerade Appetit haben.

Bei Food Noise geht es jedoch um Gedanken, die nicht bewusst eingeladen wurden. Sie tauchen immer wieder auf, bleiben dauerhaft präsent und können so viel Raum einnehmen, dass sie von anderen Tätigkeiten ablenken. 
Viele Betroffene empfinden diese ständige gedankliche Beschäftigung als erheblichen Mental Load. 

Sie kostet Kraft, beeinträchtigt die Konzentration und kann die Lebensqualität deutlich einschränken.
Food Noise ist dabei nicht mit körperlichem Hunger gleichzusetzen. Hunger ist zunächst ein biologisches Signal des Körpers. Food Noise kann dagegen auch dann auftreten, wenn kein akuter Energiemangel besteht und sich die Gedanken nicht durch ein knurrendes Magengefühl erklären lassen.

Ist Food Noise wirklich ein neues Phänomen?
Bekannt geworden ist der Begriff vor allem im Zusammenhang mit modernen Medikamenten zur Behandlung der Adipositas. Viele Betroffene berichten, dass unter der Therapie nicht nur ihr Appetit zurückgeht. Auch die ständigen Gedanken an Essen werden plötzlich leiser oder verschwinden zeitweise ganz.
Ähnliche Erfahrungen machen manche Patientinnen und Patienten nach einer bariatrischen Operation. Für sie besteht eine der eindrücklichsten Veränderungen darin, nicht mehr permanent über die nächste Mahlzeit nachdenken zu müssen.

Vollkommen neu ist das zugrunde liegende Phänomen jedoch nicht. In der Medizin und Ernährungstherapie werden schon länger Begriffe wie Craving, hedonistischer Hunger, Food-Cue-Reaktivität oder die gedankliche Fixierung auf Essen verwendet. Food Noise bietet vielen Menschen eine verständliche Möglichkeit, unterschiedliche Erfahrungen unter einem Begriff zusammenzufassen.
Medikamente und Operationen können den Lärm leiser machen

Sowohl medikamentöse Therapien als auch bariatrische Operationen können Hunger, Appetit und die gedankliche Beschäftigung mit Essen beeinflussen. Wie stark dieser Effekt ausfällt, ist jedoch individuell verschieden.
Manche Menschen sprechen sehr gut auf Medikamente an. Bei anderen wird Food Noise erst nach einer Operation deutlich leiser. Gleichzeitig kann der Effekt im weiteren Verlauf wieder nachlassen. Stephanie Tölle betont deshalb, wie wichtig es ist, Patientinnen und Patienten realistisch auf den langfristigen Verlauf vorzubereiten.
Adipositas ist eine chronische Erkrankung. Auch wenn der Essenslärm nach Beginn einer Behandlung zunächst verstummt, können die Gedanken an Essen später wieder zunehmen. Das bedeutet nicht, dass die Behandlung gescheitert ist. Vielmehr können dann zusätzliche Strategien und eine erneute individuelle Anpassung der Therapie erforderlich sein.

Warum strenge Diäten Food Noise verstärken können
Am Anfang einer ernährungstherapeutischen Behandlung steht deshalb die Frage, woher der Food Noise kommt. Nimmt eine Person möglicherweise zu wenig Energie zu sich? Sind die Abstände zwischen den Mahlzeiten sehr lang? Besteht eine unzureichende Proteinzufuhr? Oder wird der Essenslärm vor allem durch bestimmte Situationen und äußere Reize ausgelöst?

Wer möglichst schnell Gewicht verlieren möchte, entscheidet sich häufig für eine sehr starke Einschränkung der Nahrungszufuhr. Doch Hunger kann die Gedanken an Essen zusätzlich verstärken. Das Gleiche gilt für starre Lebensmittelverbote.

Je stärker wir versuchen, nicht an ein bestimmtes Lebensmittel zu denken, desto präsenter kann es im Kopf werden. Deshalb empfiehlt Stephanie Tölle keinen vollständigen Verzicht, sondern einen flexibleren und langfristig umsetzbaren Umgang mit Essen.

Auch längere Nüchternphasen oder Intervallfasten sind nicht automatisch für jeden Menschen geeignet. Wenn sich im individuellen Assessment zeigt, dass gerade diese langen Pausen den Food Noise verstärken, sollte die Mahlzeitenstruktur entsprechend angepasst werden.

Ernährungsberatung statt starrer Kalorienpläne
Moderne Ernährungsberatung arbeitet nicht zwangsläufig mit festgelegten Kalorienplänen. Stephanie Tölle betrachtet vielmehr die konkrete Essenssituation eines Menschen:
Was wird an einem normalen Arbeitstag gegessen? Woher kommen die Mahlzeiten? Wird selbst gekocht, vorbereitet oder unterwegs eingekauft? Wie unterscheidet sich das Essverhalten am Wochenende? Und welche Veränderungen lassen sich tatsächlich in den individuellen Alltag integrieren?
Ziel ist eine Ernährungsweise, die eine Gewichtsreduktion unterstützen kann, ohne durch übermäßige Einschränkungen zusätzlich Hunger und Food Noise zu erzeugen. Eine ausreichende Proteinzufuhr, eine passende Mahlzeitenstruktur und realistische Ziele können dabei eine wichtige Rolle spielen.
Sichtbare Lebensmittel und andere Auslöser

Food Noise kann auch durch äußere Reize verstärkt werden. Die Süßigkeitenschale im Büro, Lebensmittelwerbung, der Duft aus einer Bäckerei oder ständig verfügbare Vorräte können die Gedanken immer wieder auf Essen lenken.
Reizkontrolle bedeutet jedoch nicht, ein Lebensmittel nie wieder essen zu dürfen. Es geht vielmehr darum, sich nicht ununterbrochen mit Dingen zu konfrontieren, die besonders schwer einzuteilen sind.
Eine Großpackung Eis oder Süßigkeiten nicht ständig zu Hause zu bevorraten, kann beispielsweise entlasten. Gleichzeitig darf das Lebensmittel weiterhin bewusst und in einer passenden Portion genossen werden. So entsteht kein vollständiges Verbot, das den gedanklichen Druck zusätzlich erhöht.
Wann Ernährungstracking helfen kann

Auch Apps und Ernährungstagebücher werden in der Folge differenziert betrachtet. Für manche Menschen kann das Aufzeichnen von Mahlzeiten hilfreich sein, weil es Gewohnheiten sichtbar macht und das Bewusstsein für das eigene Essverhalten stärkt.

Bei starkem Food Noise kann das permanente Zählen von Kalorien die gedankliche Beschäftigung mit Essen jedoch weiter verstärken. In diesem Fall kann es sinnvoller sein, nicht jede Kalorie, sondern den Food Noise selbst zu beobachten:

Wann waren die Gedanken besonders stark? Welche Situation ging ihnen voraus? Gab es einen konkreten Auslöser? Oder waren Hunger und lange Essenspausen die Ursache?
Rückfälle sind kein persönliches Versagen
Ein weiterer wichtiger Teil des Gesprächs ist der Umgang mit vermeintlichen Rückfällen. Wer mehr gegessen hat als geplant, reagiert häufig mit Schuldgefühlen, noch strengeren Regeln oder dem Auslassen der nächsten Mahlzeit.
Genau diese Gegenmaßnahmen können jedoch erneut Hunger erzeugen und den Food Noise verstärken. Ein einzelnes Essen entscheidet nicht über den Erfolg einer gesamten Behandlung. Rückfälle sind Teil eines Veränderungsprozesses und kein Beweis für mangelnde Disziplin.
Entscheidend ist, anschließend nicht in eine extreme Gegenreaktion zu geraten, sondern zur gewählten Strategie zurückzukehren und gemeinsam mit Fachpersonen zu prüfen, was beim nächsten Mal helfen könnte.

In dieser Folge sprechen wir unter anderem darüber:
– was Food Noise bedeutet
– wie sich Food Noise von körperlichem Hunger unterscheidet
– warum die ständige Beschäftigung mit Essen so belastend sein kann
– welche Rolle Medikamente und bariatrische Operationen spielen
– weshalb Food Noise nach einer Gewichtsabnahme zunehmen kann
– warum strenge Diäten und Lebensmittelverbote den Essenslärm verstärken können
– welche Bedeutung Mahlzeitenstruktur und Proteinzufuhr haben
– wann Ernährungstracking hilfreich ist und wann es zusätzlichen Druck erzeugt
– wie sichtbare Lebensmittel und andere Reize unser Verhalten beeinflussen
– warum Reizkontrolle nicht vollständigen Verzicht bedeutet
– und weshalb Rückfälle kein persönliches Versagen sind

Eine informative, lebensnahe und zugleich unterhaltsame Folge über das ständige Denken an Essen – und über die wichtige Erkenntnis, dass Menschen mit Food Noise nicht noch mehr Disziplin, sondern passende Unterstützung und individuelle Strategien benötigen.

Zu Gast: Stephanie Tölle, Ernährungsberaterin DGE und Diabetesberaterin DDG

Über das DAZZ:
In der Adipositas- und Diabetessprechstunde des DAZZ arbeiten wir gezielt darauf hin, in jedem Stadium der Erkrankung nicht nur kurzfristige Gewichtsabnahmen zu ermöglichen oder Blutzuckerwerte zu korrigieren, sondern neben einer Verbesserung der Beschwerden auch das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten oder im Idealfall den Krankheitsprozess umzukehren.
Hier geht es zur Webseite der DAZZ >>>

Moderation: Prof. Dr. Dr. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj

Der Adipodcast wird unterstützt von ViszeraMed. Weitere Informationen über die Praxis und ihre Behandlungsschwerpunkte finden Sie unter https://viszeramed.ch.

Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, freuen wir uns über eine Bewertung bei Spotify oder Apple Podcasts. Damit helfen Sie uns, noch mehr Menschen mit unseren Inhalten zu erreichen.
Hinweis: Der Adipodcast dient der Information und ersetzt keine persönliche medizinische oder ernährungstherapeutische Beratung. Behandlungsmöglichkeiten sollten immer individuell mit qualifizierten Fachpersonen besprochen werden.

Unsere Ressourcen
 
Über unsere Webseite Adipositas-Zuerich.ch
Unsere Webseite Adipositas Zürich widmet sich ganz der Aufgabe, Dich umfassend über Adipositas zu informieren – eine Erkrankung, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen für Industrienationen eingestuft wird.
Unser Ziel ist es, Dir ein tiefes Verständnis für die Ursachen, Folgen und die zahlreichen Therapiemöglichkeiten dieser komplexen Krankheit zu vermitteln.
Wir bei Adipositas Zürich sehen es als unsere Mission, sowohl Betroffene als auch medizinisches Fachpersonal durch qualitativ hochwertige Informationen zu unterstützen.
Dabei legen wir großen Wert darauf, die Krankheit Adipositas in all ihrer Komplexität darzustellen und Dir den Weg zu wirksamen Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
 
Die Webseite von Adipositas-Zürich
 
Der Adipodcast bei Spotify:
 
Der Adipodcast bei Apple Podcast:
 
Diskutiere mit in unserer Facebook Community:
 
Bitte unterstütze unseren Podcast!
Wir drei Hosts investieren sehr viel Liebe, Engagement und Zeit in unseren Podcast.
Eine kostenlose Möglichkeit, unsere Sendung zu unterstützen, ist, eine Fünf-Sterne-Bewertung und eine Rezension auf Apple Podcasts oder auf Spotify zu hinterlassen. Damit kannst Du uns sagen, was Dir an der Sendung gefällt und anderen helfen, sie auch zu entdecken.
 
So geht es:
Auf der Seite unserer Sendung nach unten scrollen, eine Sternebewertung auswählen und auf „Bewerten“ tippen.
Deine Rezension wird kurz nach ihrer Veröffentlichung bereitgestellt.
Übrigens: Du kannst eine Rezension pro Sendung hinterlassen.
Vielen Dank für Deine Unterstützung!

Feedback geben

Dir gefällt der Podcast und Du möchtest das mal loswerden? Du hast Tipps für neue Themen oder magst über den Inhalt bestimmter Folgen diskutieren? Dann wähle im Formular die jeweilige Episode aus und schreib uns eine Nachricht. Vielen Dank für Dein Feedback!

Mit einem Klick auf "Nachricht absenden" erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Deine Daten zum Zwecke der Beantwortung Deiner Anfrage verarbeiten dürfen. Die Verarbeitung und der Versand Deiner Anfrage an uns erfolgt über den Server unseres Podcast-Hosters LetsCast.fm. Eine Weitergabe an Dritte findet nicht statt. Hier kannst Du die Datenschutzerklärung & Widerrufshinweise einsehen.

★★★★★

Gefällt Dir die Show?
Bewerte sie jetzt auf Apple Podcasts

2026 - Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Bueter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj.